Reformationstag


Ein Tag zum Innehalten und Nachdenken und die Kraft der Veränderung zu spüren

von Lektor Tobias Böker
Foto: dpa/picture-alliance/epd-Bild Norbert Neetz

Der Reformationstag erinnert uns an einen Wendepunkt der Geschichte, der die Welt für immer verändert hat. Am 31. Oktober 1517 schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Doch was trieb diesen Mann eigentlich an? Es war kein politisches Kalkül, sondern eine tiefe, existenzielle Frage, die ihn quälte: Wie kriege ich einen gnädigen Gott?

In einer Zeit, in der die Kirche den Menschen Angst vor der Hölle machte und ihnen gegen Geld den Erlass von Sünden verkaufte (den sogenannten Ablasshandel), fand Luther in der Bibel eine befreiende Entdeckung. Er erkannte, dass Gottes Liebe und Vergebung unverdiente Geschenke sind. Sie können nicht mit Geld gekauft werden, sondern werden allein durch den Glauben empfangen. Luther reformierte das Verständnis von Kirche grundlegend. Er stellte die Bibel als alleinige Richtschnur auf, übersetzte sie ins Deutsche, damit jeder sie lesen konnte, und schaffte die Vermittlerrolle der Priester ab. Jeder Mensch, so Luther, hat einen direkten Zugang zu Gott.

Was würde Luther heute reformieren?

Wenn Luther heute im 21. Jahrhundert leben würde, würde er vermutlich dieselbe Leidenschaft an den Tag legen, aber gegen andere Missstände ankämpfen. Er würde wahrscheinlich die Bürokratisierung und die Trägheit der heutigen Amtskirche anprangern. Luther war ein Mann des Wortes und der modernen Medien seiner Zeit. Er würde wohl fordern, dass die Kirche die Sprache der Menschen von heute spricht – verständlich, digital, mitten im Leben. Vor allem aber würde er sich gegen die moderne Form der Selbstrechtfertigung wenden. Heute versuchen Menschen oft, sich durch Leistung, Perfektionismus oder den perfekten Lebenslauf zu rechtfertigen. Luther würde uns laut zurufen: Hört auf zu rennen! Ihr müsst euch eure Existenzberechtigung nicht verdienen. Ihr seid von Gott schon längst geliebt.

Wenn Gott heute der Reformator wäre: Was würde er ändern?

Blicken wir noch tiefer: Wenn Gott selbst heute als Reformator in seine Kirche eingreifen würde, was würde er ändern? Gott schaut nicht auf Strukturen, Kirchensteuern oder prachtvolle Gebäude. Gott schaut auf das Herz. Er würde die Kirche wahrscheinlich von ihrer Spaltung und Selbstbezogenheit reinigen. Er würde eine Kirche fordern, die nicht um sich selbst kreist, sondern ihre Türen weit öffnet. Eine Kirche, die dort ist, wo der Schmerz ist: bei den Einsamen, den Geflüchteten, den Ausgegrenzten. Gott würde die Kirche daran erinnern, dass sie kein Museum für Heilige ist, sondern ein Sanatorium für Verwundete. Er würde den Fokus weg von Dogmen und hin zur bedingungslosen Liebe und Gemeinschaft lenken.

Jesus: Der erste Reformator

Diesen Weg hat Jesus Christus schon vor über 2000 Jahren geebnet. Jesus war im eigentlichen Sinne der erste große Reformator. Er legte sich mit den religiösen Eliten seiner Zeit an, die das Gesetz Gottes als Waffe gegen die Menschen nutzten. Jesus brach verkrustete Traditionen auf: Er heilte am Sabbat, er aß mit Zöllnern und Prostituierten, und er stellte die Barmherzigkeit über die strikte Einhaltung von Regeln. Seine Botschaft war radikal: Das Reich Gottes ist nahe, und es steht allen offen, besonders den Gescheiterten.

Wenn Jesus seiner Kirche heute etwas mit auf den Weg geben würde, wäre es wohl die Erinnerung an das Fundament. Er würde uns Matthäus 22 in Erinnerung rufen: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst.» Jesus würde der Kirche sagen: Verliert euch nicht in theologischen Debatten oder Strukturreformen. Geht zu den Menschen. Liebt sie, dient ihnen und seid mein Licht in einer dunklen Welt.

Reformation ist kein historisches Ereignis, das abgeschlossen ist. Die Kirche muss sich immer wieder neu reformieren, weil wir uns immer wieder neu ausrichten müssen. Lassen wir uns heute von diesem Geist der Veränderung anstecken.

Amen