„Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ – 2. Timotheus 1,7
Liebe Gemeinde,
Manchmal braucht es ein Licht in der Dunkelheit. Und manchmal brennt dieses Licht so hell und so schmerzhaft, dass man die Augen nicht mehr davor verschließen kann.
Wenn wir heute an Oskar Brüsewitz1 denken, dann denken wir an einen Mann, der nicht schweigen konnte. Er war kein Mann der leisen, diplomatischen Töne. Wenn er durch die Dörfer fuhr, tat er das oft mit Botschaften, die aufrüttelten. Berühmt war sein Auto, an dem ein Schild prangte, das auf dem Lande die staatliche Losung provokant aushebelte: „Ohne Regen, ohne Gott geht die ganze Welt bankrott.“ Es war sein humorvoller, aber bitterernster Einspruch gegen eine Ideologie, die den Menschen einreden wollte, man brauche keinen Schöpfer mehr, um die Ernte einzubringen oder ein gutes Leben zu führen.
Doch aus dem mutigen Protest auf Rädern wurde am 18. August 1976 ein furchtbares, extremes Zeichen. Vor der Michaeliskirche in Zeitz stellte er Schilder auf sein Autodach: „Funkspruch an alle ... Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung der Kirchen, in Schulen, an Kindern und Jugendlichen!“ Kurz darauf stand er, sich selbst übergossen mit Benzin, in Flammen.
Menschlich gesehen hinterlässt diese Tat bis heute ein tiefes Erschrecken, Schmerz und auch theologische Fragen. Ein Suizid als Protest wirft Schatten auf das Leben, das Gott uns schenkt. Doch historisch und geistlich hat sein Tod etwas ins Rollen gebracht, das unaufhaltsam war.
Er bedeutete das Ende des lähmenden Schweigens. Die Kirchenleitung der DDR war damals auf einem Kurs der vorsichtigen Anpassung, der sogenannten „Kirche im Sozialismus“. Brüsewitz’ Feuertod riss diese Fassade ein. Die Kirche musste sich positionieren und stellte sich schlussendlich mutig hinter ihren verstorbenen Bruder, statt vor dem Staat zu kuschen.
Gleichzeitig markierte dieses Ereignis die Geburtsstunde einer breiteren Opposition. Sein Tod wirkte wie ein Katalysator, der verstreute Regimekritiker, Jugendliche und engagierte Christen einte. Manfred Stolpe nannte ihn später treffend einen „Vorboten des Systemwechsels“. Ohne das Fanal von Zeitz wäre der spätere Mut, der sich 1989 in den Montagsdemonstrationen entfachte, kaum denkbar gewesen. Sein Tod brachte zwar keinen sofortigen politischen Umschwung, aber er brachte die Wahrheit ans Licht und entlarvte die staatliche Behauptung, im Sozialismus herrsche uneingeschränkte Freiheit.
Wenn wir heute in unsere Kirchen schauen, leben wir im Glück einer freien Demokratie. Niemand wird staatlich verfolgt, weil er sein Kind taufen lässt. Und doch stellte der mitteldeutsche Landesbischof Friedrich Kramer in einem Gedenkgottesdienst die bange Frage: „Wo stehen wir heute genau in dieser Gefahr? Was werden wir sehen, wenn sich der Wind wieder mehr in Richtung gesellschaftlicher Konfrontation der Kirche dreht?“
Wir stehen heute sicherlich nicht am gleichen Punkt einer totalitären Unterdrückung, aber wir stehen wieder vor einer ganz ähnlichen Zerreißprobe. Da ist zum einen die ständige Versuchung des bequemen Schweigens. Wie oft schweigen wir als Kirche oder als einzelne Christen aus Angst, anzuecken oder unpopulär zu sein? Hinzu kommt ein schleichender Verlust von Grundwerten in den aktuellen gesellschaftlichen Debatten. Wo die Nächstenliebe, die Würde jedes einzelnen Menschen und der Schutz der Schwachen unter die Räder kommen, ist prophetischer Protest bitternötig. Brüsewitz warnte in seinem Abschiedsbrief eindringlich vor einem solchen „Scheinfrieden“ – einem scheinbaren tiefen Frieden, der in die Christenheit eingedrungen ist. Auch heute zeigt sich: Bequemlichkeit tut der Kirche selten gut.
Genau in diese Bequemlichkeit und in unsere alltäglichen Ängste hinein spricht das Wort des Apostels Paulus an Timotheus: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Oskar Brüsewitz fordert uns heute nicht auf, ihm in die Flammen zu folgen. Aber sein Leben, sein Widerstand und dieses kraftvolle Bibelwort rufen uns zu: Habt keine Angst! Lasst euch nicht vom Geist der Furcht lähmen. Steht zu eurem Glauben und nutzt die Kraft und die Liebe, die euch geschenkt sind. Seid das Salz der Erde und das Licht der Welt – hörbar, sichtbar und wenn nötig auch unbequem, wo die Wahrheit verdreht wird.