„Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“

von Lektor Tobias Böker

Liebe Leserinnen und Leser,
kürzlich durfte ich ein besonderes Ereignis erleben: Im Rahmen der Zusammenarbeit „Kirche und Kino“ zwischen unserem Kirchenkreis Holzminden und dem Roxy Kino wurde der Film „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“ gezeigt. Ich bin immer noch tief bewegt von der Art und Weise, wie dieser Film die Wahrnehmung der menschlichen Seele thematisiert.

Der Film entführt uns in die Zeit um 1700. Im Zentrum stehen der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz und seine tiefe geistige Freundschaft zu Königin Sophie Charlotte von Preußen. Leibniz war seiner Zeit weit voraus – besonders in seinem Frauenbild. Er sah in Frauen keine bloßen Repräsentantinnen, sondern intellektuelle Ebenbürtige.

Um Leibniz’ Geist an ihrem Hof in Berlin festzuhalten, beauftragt die Königin ein Porträt. Hier begegnen wir einer faszinierenden Figur: Aaltje, einer Malerin, die sich als Mann verkleidet, um in einer von Männern dominierten Welt überhaupt malen zu dürfen. Sie ist es, die versucht, das Unmögliche zu vollbringen: Leibniz’ Seele auf die Leinwand zu bannen.

Der Film stellt uns eine zentrale Frage: Kann man die Seele eines Menschen in einem Bild wiedergeben? In den Gesprächen zwischen Leibniz und der Königin wird deutlich, dass die Seele für sie kein statisches Ding ist. Sie ist das Zentrum der Vernunft, der Sehnsucht und der Freiheit. Das Porträt scheitert fast daran, dass Leibniz’ Geist so beweglich ist – wie will man einen Gedanken malen? Die Erkenntnis des Films ist: Die Seele zeigt sich nicht in der Perfektion des Antlitzes mit Perücke und Ausgehrock, sondern im „Dazwischen“, in der Tiefe des Blicks und der Wahrhaftigkeit des Austauschs.
Wenn wir in die Bibel schauen, finden wir eine ganz ähnliche Tiefe. Das hebräische Wort für Seele, Nephesch, bedeutet eigentlich „Kehle“ oder „Atem“. In Genesis 2,7 heißt es: „Da bildete Gott, der Herr, den Menschen aus Staub vom Erdboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“

Die Seele ist nach biblischem Verständnis nichts, was wir besitzen, sondern das, was wir sind. Sie ist die Atembedürftigkeit des Menschen, seine schöpferische Kraft, sein streben nach Wissen, unsere ständige Verbindung zum Schöpfer. Wie im Film die Malerin versucht, den „Funken“ des Genies zu finden, so sagt uns die Bibel: Die Seele ist das Ebenbild Gottes in uns (Genesis 1,27).
Können wir die Seele eines Menschen also in einem Bild wiedergeben? Der Film und die Bibel geben uns eine gemeinsame Antwort: Ein Bild kann ein Hinweis sein, ein Fenster, ein Echo, ein Widerhall. Aber die Seele selbst bleibt ein Geheimnis, das nur Gott ganz durchschaut.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Ein Mensch ist immer mehr als seine Hülle, mehr als sein Status, ob Königin oder Gelehrter, und mehr als ein gemaltes Porträt. Die Seele ist der Ort, an dem wir für Gott ansprechbar sind, wo sein Geheimnis in uns lebt. Sie ist das, was bleibt, wenn alles Äußere vergeht. Deshalb sollten wir uns durch die „Leibniz-Brille“ ansehen: nicht als Statist in einem Gemälde, sondern als Träger eines göttlichen Funkens, der sich jedem starren Abbild entzieht.