"...kein Zustand auf dieser Erde ist von Dauer"

von Lektor Tobias Böker

Liebe Gemeinde,

wer schon einmal in den frühen Morgenstunden in den Alpen gestanden hat, kennt diese ganz besondere Stille. Die Nacht liegt schwer und kalt über den Gipfeln, und im fahlen Zwielicht wirkt die Bergwelt oft abweisend, grau und unendlich karg. Man sieht nur nackten Fels, Geröll und die harten Konturen einer scheinbar lebensfeindlichen Landschaft. Es fühlt sich an, als würde die Dunkelheit niemals weichen.

Doch das ist eine Täuschung. Denn kein Zustand auf dieser Erde ist von Dauer. Nach jeder noch so finsteren Nacht bricht verlässlich ein neuer Tag an. Wenn die ersten Sonnenstrahlen die Bergkämme berühren, verwandelt sich das Licht, und wer dann genau hinschaut, traut seinen Augen kaum. Inmitten der vermeintlichen Kargheit, versteckt in den kleinsten Felsspalten, zeigt sich plötzlich eine überwältigende Vielfalt: das leuchtende Blau des Enzians, das zarte Weiß des Edelweißes und das lebendige Grün der Flechten. Das Leben triumphiert genau dort, wo man es am wenigsten erwartet hat.

Der österreichische Schriftsteller Peter Rosegger hat dieses Geheimnis des Lebens einmal in die wunderbaren Worte gefasst: „Es geht ewig zu Ende, und im Ende keimt ewig der Anfang.“

Wenn wir in unserem eigenen Leben in einer Phase der Kargheit stecken – sei es durch Trauer, Erschöpfung oder Sorgen –, fühlt sich das oft an wie diese kalte Bergnacht. Wir sehen kein Weiterkommen und keinen Sinn. Aber der Kreislauf Gottes ist ein anderer. Das Ende ist bei Gott niemals der Schlusspunkt, sondern der schützende Boden, in dem das Neue bereits aufkeimt.

Schon im Alten Testament finden wir dieses feste Versprechen, das uns wie ein Kompass durch dunkle Stunden leiten kann. Im Buch Klagelieder 3, 22-23 heißt es:

„Die Güte des Herrn ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“

Jeder neue Morgen ist ein Geschenk und ein Beweis für diese Treue. Vertrauen wir darauf, dass das Licht die Dunkelheit vertreibt. Schauen wir genau hin – auf die kleinen, verborgenen Wunder in unserem Alltag, die uns zeigen: Der Neuanfang hat längst begonnen.

Amen.