"Der Hodscha und die Piepenkötter"

von Lektor Tobias Böker

Liebe Leserinnen und Leser.

Haben Sie gestern auch „Der Hodscha und die Piepenkötter“ im Fernsehen gesehen? In dieser Komödie prallen Welten aufeinander: Auf der einen Seite die resolute Bürgermeisterin, die um ihre Wählerstimmen bangt, auf der anderen der Hodscha, der eigentlich nur einen Ort zum Beten bauen will. Alles ist herrlich überzogen – kein Klischee und auch kein Fettnäpfchen wird ausgelassen. Wir, die Zuschauer von außen, lachen darüber, weil die Überzeichnung den Stress aus dem Thema nimmt.

Aber Hand aufs Herz: Was wäre, wenn die Bagger morgen vor unserer Haustür stünden? Wenn das vertraute Stadtbild sich ändert? Oft mischt sich in unsere religiöse Toleranz dann doch ein mulmiges Gefühl.

Im Film merken wir schnell: Die Sorgen der Piepenkötter und die Wünsche des Hodschas sind sich gar nicht so unähnlich. Es geht um Heimat, um Identität und um den Wunsch, gesehen zu werden, ob nun durch den Bau einer Moschee oder eines riesigen Eisenkreuzes auf dem Bürgersteig.

Die Realität ist: Sowohl das Christentum als auch der Islam tragen schweres Gepäck mit sich. Wir müssen nicht weit in der Geschichte graben, um zu sehen, wo beide Religionen Schuld auf sich geladen haben – durch Ausgrenzung, Überheblichkeit oder Gewalt. Wenn wir ehrlich sind, begegnen wir uns oft nicht als „suchende Menschen“, sondern als „Besitzer der Wahrheit und des Weltwissens“. Und wer die Wahrheit und das Wissen besitzt, braucht dem anderen nicht mehr zuzuhören.

Am Ende stellt sich die Frage, ist ein Nebeneinander möglich? Ja, aber vielleicht ist „Nebeneinander“ gar nicht das Ziel. Das Ziel sollte ein „Miteinander“ sein.

Versöhnung bedeutet im biblischen Sinne nicht, dass wir alle Unterschiede wegwischen. Es bedeutet, die Schuld der Vergangenheit anzuerkennen und den anderen als Ebenbild Gottes zu sehen.

  • Vielleicht können wir vom Hodscha lernen, was Gastfreundschaft und Gebetstreue bedeuten.
  • Vielleicht kann die Piepenkötter uns lehren, dass kritisches Nachfragen und Struktur auch ihren Wert haben.

Gott hat uns nicht in eine sterile, einfarbige Welt gesetzt. Er hat uns in eine Welt der Vielfalt gestellt, damit wir aneinander wachsen.

Wenn wir das nächste Mal jemanden treffen, dessen Glaube uns fremd ist, könnten wir versuchen, nicht zuerst das Trennende zu suchen. Fragen wir uns lieber: „Was glänzt im Leben des anderen, das mir vielleicht fehlt?“

Versöhnung ist kein fertiges Gebäude – weder eine Kirche noch eine Moschee. Versöhnung ist die Baustelle, auf der wir jeden Tag gemeinsam arbeiten. Und manchmal darf dabei auch herzhaft gelacht werden – genau wie im Film. Deshalb packen wir es gemeinsam an.