Liebe Gemeinde,
manchmal schreibt das Leben Geschichten, die eigentlich gar nicht zu uns passen. Zumindest nicht zu dem Bild, das wir von uns selbst haben. Stellen Sie sich jemanden vor, der jede Entscheidung dreimal wendet. Einen klassischen Kopfmenschen. Jemand, der Listen schreibt, Risiken abwägt, Eventualitäten durchrechnet und im Zweifel lieber den sicheren, durchdachten Weg wählt. Vorsicht, Gedanken und Zweifel sind die treuen Begleiter im Alltag.
Und dann passiert das Unerwartete. Nach einer nur sehr kurzen Kennenlernzeit von gerade einmal einem Monat wirft dieser Kopfmensch plötzlich alles über den Haufen. Alle Sicherheitsnetze, alle rationalen Argumente, alle inneren Warnblinker. Auf einmal heißt es: Einfach mal den Kopf ausschalten und das Gefühl im Bauch zulassen. Ohne langen Plan ging es für ein verlängertes Wochenende nach Berlin. Einfach so. Mit einem Menschen, den man kaum kannte, hinein in ein Abenteuer, das der Verstand niemals genehmigt hätte. Es war der Moment, in dem das Bauchgefühl die Regie übernahm.
Was unterscheidet diese beiden Welten eigentlich? Kopfmenschen leben oft in einem Karussell aus Analysen. Das bringt Struktur, führt aber auch dazu, dass sie oft an sich selbst und ihren Entscheidungen zweifeln. Manchmal wird der Lärm im Kopf so laut, dass Kopfmenschen auf Berge klettern müssen. Sie suchen die Höhe, um sich den Kopf vom Wind frei- und durchspülen zu lassen. Und vielleicht auch, weil wir Menschen hoffen, dort oben, über den Wolken, Gott ein Stück näher zu sein, um Klarheit zu finden. Auf der anderen Seite stehen die Bauchmenschen. Sie entscheiden aus dem Impuls, vertrauen ihrer Intuition, leben im Hier und Jetzt und wirken auf Kopfmenschen oft faszinierend leichtsinnig.
Doch egal, wie gut wir planen oder wie intensiv wir fühlen: Am Ende stoßen wir an unsere Grenzen. Es gibt diesen bekannten Spruch: „Der Mensch denkt und Gott lenkt.“ Das ist kein moderner Kalenderspruch, sondern hat tiefe biblische Wurzeln. Im Buch der Sprüche im Alten Testament heißt es in Kapitel 16, Vers 9: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.“ Im 15. Jahrhundert hat Thomas von Kempen diese Weisheit in seinem Werk „Nachfolge Christi“ geprägt und als „Homo proponit, sed Deus disponit“ weltweit verbreitet.
Dieser Satz ist eine Mahnung zur Demut. Er erinnert uns an unsere eigenen Grenzen und an die Souveränität Gottes. Im positiven Sinne drückt er ein tiefes Gottvertrauen aus. Wir dürfen die Führung unseres Lebens in höhere Hände legen. Man kann diesen Spruch zwar auch deterministisch als reine Schicksalsergebenheit missverstehen, aber eigentlich schenkt er Freiheit. Er nimmt dem Kopfmenschen den Druck, alles perfekt planen zu müssen. Und er nimmt dem Bauchmenschen die Angst, falsch abzubiegen.
Denn blicken wir ehrlich auf unser Leben, dann entdecken wir Brüche. Man kann sein Leben problemlos als eine Liste des Scheiterns sehen. Jeder von uns hat Fehlentscheidungen getroffen, gezaudert oder ist zu schnell gesprungen. Doch das ist kein echtes Scheitern. Es ist vielmehr eine große Kunst, aus diesem Scheitern zu lernen. Es ist im Leben eben nicht immer alles gut. Aber im großen Ganzen, getragen von Gottes Zusage, gilt: Es ist gut. Gott will, dass die Menschen genau so sind, wie sie geschaffen wurden. Er liebt den leichtsinnigen Bauchmenschen genauso wie den immer denkenden Kopfmenschen.
Wenn wir in die Bibel schauen, sehen wir, dass Gott beide Seiten nutzt. Was war eigentlich Jesus? War er ein Kopf- oder ein Bauchmensch? Die Evangelien zeigen uns ein faszinierendes Bild: Jesus war beides in vollkommener Balance. Er war kein kühler Stratege, der alles starr durchdacht hat. Wenn er Kranke sah, hieß es oft, es „jammerte ihn in seinem Bauch“ – er handelte aus tiefem Mitgefühl, absolut intuitiv und spontan. Gleichzeitig war er zutiefst reflektiert. Er zog sich oft tagelang einsam auf Berge zurück, um zu beten, nachzudenken und sich mit seinem Vater im Himmel abzustimmen. Jesus zeigt uns, dass Bauchgefühl und Verstand keine Feinde sind. Sie ergänzen sich unter Gottes Lenkung.
Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott unsere Wege führt – egal, ob wir gerade zu viel grübeln oder zu schnell rennen.
Kommen wir zurück zu unserer Geschichte, zu dieser Berlinfahrt. Das war im Jahr 2011. Eine Reise, die jeder Vernunft widersprach. Und heute? Heute sind die beiden von damals glücklich verheiratet. Es hat sich gelohnt, den Verstand für einen Moment schlafen zu schicken. Diese Geschichte zeigt uns: Es ist ab und zu unendlich gut, auf das Bauchgefühl zu hören. Es ist gut, alle Zweifel hinter sich zu lassen und sich gerade als Kopfmensch auf das Abenteuer des Lebens einzulassen.
Ich möchte heute allen Kopfmenschen Mut zusprechen: Traut eurem Bauchgefühl! Vertraut der Stimme in euch, die euch manchmal zu Schritten drängt, die ihr nicht logisch erklären könnt. Gott lenkt eure Schritte, ob nun damals in Berlin, heute auf dem Berg der Sehnsucht oder morgen im ganz normalen Alltag. Habt den Mut, das Abenteuer zu wagen.
Amen.