Wo Licht ist, da ist auch Schatten

von Lektor Tobias Böker

Liebe Leserinnen und Leser, auch in der Kirche gibt es Schattenseiten, und vielleicht haben Sie auch schon die Nachrichten aus dem Erzbistum Paderborn im Radio gehört, die uns erneut fassungslos machen: Eine aktuelle Studie der Universität Paderborn (März 2026) spricht von fast 500 Betroffenen und mehr als 200 beschuldigten Geistlichen zwischen 1941 und 2002. Doch unser Blick sollte nicht nur die eine Kirche betrachten, sondern auch unseren Blick weiten auf unsere eigene Konfession. Auch in der evangelischen Kirche hat es Studien gegeben, die Strukturen von Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt offenlegt, die über Jahrzehnte ignoriert wurden.

Wir klagen vor Gott das Schweigen, das Wegsehen und die Verharmlosung an, die Tätern Schutz boten und Opfer allein ließen.

War dieses Wort Jesu eine offene Einladung für den Missbrauch?
Im Zentrum steht dieser eine Satz, den wir oft als lieblich empfunden haben:

„Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.“

Hat Jesus damit gemeint, Kinder für die eigenen Bedürfnisse zu gebrauchen – geistig oder körperlich? Hier ein klares Nein.
In der Zeit Jesu waren Kinder rechtlos und unbedeutend. Wenn Jesus sie rief, war das ein revolutionärer Akt des Schutzes und der Würdigung. Er stellte sie ins Zentrum, um den Erwachsenen zu zeigen: Wer nicht wird wie ein Kind – wer nicht diese Offenheit und Schutzbedürftigkeit annimmt –, kann Gott nicht verstehen.

Diesen Satz zu benutzen, um Kinder in Abhängigkeit zu treiben oder sie „für Gott“ (oder sich selbst) gefügig zu machen, ist die radikalste Form der Gotteslästerung. Es verkehrt Jesu Segen in einen Fluch.
Missbrauch in der Kirche geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern er nutzt ein Machtgefälle aus.

Kinder und Jugendliche wurden durch Fahrdienste, Freizeitangebote oder die vermeintliche geistliche Nähe zu „Gottesmännern“ isoliert und abhängig gemacht. Die Täter nutzten ihre religiöse Autorität. Wer sich gegen den „Vertreter Gottes“ stellt, stellt sich scheinbar gegen Gott selbst. Dieses Gift der Manipulation bricht den Willen und macht sprachlos und stumm. Viele haben Signale ignoriert, um die „Institution“ zu schützen oder weil die Wahrheit zu schmerzhaft war. Heute erleben wir oft noch eine Verharmlosung („Damals war das anders“), die den Schmerz der Betroffenen erneut vertieft.
Nach meiner Meinung liegt die Hoffnung für die Kirche nicht im Vergessen, sondern im radikalen Hinschauen. Die Studien in Paderborn und der EKD sind schmerzhafte, aber notwendige Schritte der Reinigung und Vergebung.

Eine zukünftige Kirche muss ein Ort sein, an dem Macht kontrolliert und geteilt wird. Sie muss ein Ort sein, an dem die Stimme der Schwächsten lauter ist als das Prestige der Amtsträger.
„Lasset die Kinder zu mir kommen“ bedeutet heute: Schafft Räume, in denen Kinder sicher sind. Hindert sie nicht daran, ihre Grenzen zu ziehen. Wehret denen, die ihre Macht missbrauchen. Nur wenn wir die Kinder wirklich schützen, folgen wir dem Weg Jesu.