In Liebe, Eure Hilde

von Lektor Tobias Böker

Liebe Leserinnen und Leser,

der Evangelische Kirchenkreis hat zusammen mit dem Roxy Kino Holzminden für sein Kinoprojekt mal wieder einen grandiosen Film ausgewählt. „In Liebe, Eure Hilde“ von Andreas Dresen ist ein ergreifendes Drama, das auf wahren Begebenheiten beruht. Der Film konfrontiert uns mit einer Geschichte, die uns ans Herz geht und uns das Herz schwer macht, und hinterlässt uns doch mit einer tiefen Hoffnung.

Der Regisseur nutzt dafür einen berührenden dramaturgischen Kniff: Während die chronologische Haupthandlung um Hildes Gefangenschaft in Berlin-Plötzensee bis zur Hinrichtung stringent erzählt wird, läuft die Vorgeschichte ihrer Liebe rückwärts.

Wir erleben also das Ende der Geschichte zuerst. Der historische Handlungsstrang endet mit dem qualvollen Tod der Widerstandskämpferin Hilde Coppi: Sie wurde am 5. August 1943 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet. Der Film stellt ihren letzten Momenten in der Schlange vor dem Fallbeil einen Kontrast gegenüber. Ein Kontrast, der uns schmerzt, weil wir wissen, was zerstört wurde. Doch inmitten dieser Dunkelheit gibt es ein Zeichen des Lebens: Der Sohn von Hilde und Hans, der nach der Verhaftung im Gefängnis geboren wurde, überlebte und wurde von den Großeltern aufgezogen. Das Leben ließ sich nicht völlig auslöschen.

Wenn wir auf Hildes Leben blicken, fragen wir uns: Woher nahm diese junge, eher stille Frau die Kraft, in der Maschinerie des Nazi-Terrors aufrecht zu bleiben? Sie war keine laute Revoluzzerin. Sie war eine Frau, die einfach das Richtige tun wollte.

Vor Gericht wird sie gefragt, warum sie ihren Mann Hans und die anderen nicht verraten hat. Warum sie geschwiegen hat, obwohl ein Geständnis ihr eigenes Leben hätte retten können. Ihre Antwort ist von entwaffnender, fast biblischer Einfachheit. Sie sagt nur:

„Weil ich ihn liebe.“

In diesem einen Satz liegt die ganze Theologie des Widerstands. Es ist nicht der Hass auf die Schergen, der Hilde stark macht. Es ist die Liebe zu einem Menschen. Diese Liebe wird zu einem Schutzraum, den die Diktatur nicht betreten kann. Sie erinnert uns an das Wort aus dem Hohenlied der Liebe in der Bibel: „Liebe ist stark wie der Tod und ihr Eifer fest wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig, eine Flamme des Herrn.“ (Hohelied 8,6)

Hildes Liebe war stärker als die Angst vor dem Tod.

Und genau deshalb entlässt uns der Film nicht in der Kälte des Hinrichtungsraums. Das Ende des Films endet versöhnlich in der Vergangenheit: Die Rückblenden über Hildes und Hans' Kennenlernen erzählen sich rückwärts und enden genau an dem idyllischen Punkt, an dem sich beide das erste Mal begegnen, unbeschwert tanzen und Moped fahren.

Dieser Kontrast zeigt das ungelebte Glück des jungen Paares, bevor der Krieg und das Regime ihr Leben zerstörten.

Aber dieser Rückwärtslauf der Zeit bewirkt noch etwas anderes in uns: Er entreißt Hilde und Hans den Henkern. Er sagt uns: Das Letzte, das Gültige an diesem Leben ist nicht das Fallbeil. Das Letzte ist die Unbeschwertheit, das Glück, die Liebe. Das Regime hat ihren Körper getötet, aber es konnte diese Liebe nicht ungeschehen machen. In Gottes Augen geht kein einziger dieser glücklichen Momente verloren. Sie sind aufbewahrt für die Ewigkeit.

Wenn wir gleich in unseren Alltag gehen, nehmen wir Hildes Vermächtnis mit. Ein Vermächtnis, das uns auffordert, menschlich zu bleiben, egal wie laut und hasserfüllt die Welt um uns herum wird. Gehen wir im Licht dieser Liebe.

Es sind die Worte, die als letzte Zeilen unter ihrem Abschiedsbrief an ihre Mutter und ihren kleinen Sohn standen – Worte, die nun an uns gerichtet sind:

In Liebe, eure Hilde.