„Die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Johannes 8,32)
Doch was passiert, wenn die Wahrheit hinter dicken Klostermauern weggeschlossen wird?
Kürzlich öffnete sich in der Stadthalle Holzminden der Vorhang für eine Geschichte, die wir mit großer Spannung verfolgt haben. Der Kulturverein Holzminden e.V. brachte mit dem Berliner Kriminaltheater die packende Theaterfassung von Umberto Ecos „Der Name der Rose“ auf die Bühne. Wir haben mitgefiebert, wie der scharfsinnige Franziskanermönch William von Baskerville und sein junger Novize Adson den Kriminalfall um die mysteriösen Todesfälle in einer abgelegenen Benediktinerabtei lösen.
Doch was als historischer Krimi beginnt, entpuppt sich schnell als ein packendes Zwiegespräch zwischen Kirche, Wissen und Macht. Der weltberühmte Roman von 1980 ist eben viel mehr als nur eine Detektivgeschichte. Umberto Eco verbindet die Morde meisterhaft mit den ganz großen Lebensfragen: Wer bestimmt eigentlich, was wahr ist? Wer darf über Wissen verfügen? Und was geschieht, wenn Menschen so sehr von ihrer eigenen Wahrheit überzeugt sind, dass sie das freie Denken und Handeln anderer radikal verfolgen? Genau dieses spannende Wechselspiel aus Krimi, Philosophie und Theologie hat das Berliner Kriminaltheater greifbar auf die Bühne gebracht.
Der berühmte Satz, dass Wissen Macht sei, erfährt in den finsteren Klostermauern eine mörderische Umkehrung: Das Vorenthalten von Wissen ist die noch viel größere Macht. Wenn Menschen systematisch dumm und unwissend gehalten werden, können sie sich kein eigenes Urteil mehr bilden. Sie werden formbar, lenkbar und anfällig für Angst. Wer im Mittelalter weder lesen noch schreiben konnte und kein Latein verstand, musste ungeprüft glauben, was von der Kanzel gepredigt wurde. Die Angst vor der Hölle wurde so zum perfekten Herrschaftsinstrument.
Hier liegt auch der Ursprung der Legenden um das „geheime Wissen“ der Kirche. Es ging dabei selten um Zauberei, sondern um unbequeme Wahrheiten, die die Macht der Herrschenden gefährdeten. Im Roman ist dieses Geheimnis ein verlorenes Buch des Philosophen Aristoteles, in dem es um die Komödie und das Lachen geht. In dem Kloster wird für ein Buch über das Lachen getötet! Warum? Weil das Lachen die Angst vertreibt. Wer aber keine Angst mehr vor den Mächtigen oder dem Teufel hat, ist nicht mehr kontrollierbar. Das wahre Geheimnis, das mächtige Institutionen seit Jahrhunderten oft mit allen Mitteln schützen wollen, ist schlicht die eigene Fehlbarkeit. Es ist die nackte Angst, an Autorität zu verlieren.
Aus genau diesem Grund hat die Kirche über Jahrhunderte Querdenker, Wissenschaftler und vermeintliche Ketzer verfolgt und verbrannt. Nicht, weil diese Menschen Unrecht hatten, sondern weil ihre Entdeckungen – wie die Erkenntnis, dass die Erde sich um die Sonne dreht – das mühsam aufgebaute Machtgefüge ins Wanken brachten. Hier liegt der tragische Irrtum einer erstarrten Religion: Man hat Gott mit der eigenen Institution verwechselt. Man glaubte, Gott zu schützen, während man in Wahrheit nur die eigenen Privilegien verteidigte.
Diese historische Warnung ist heute von einer erschütternden Aktualität. Wir erleben in Politik und Gesellschaft zwar keine zugeschlossenen Bibliotheken mehr, dafür aber eine digitale Flut von Informationen. In dieser Flut erschaffen Algorithmen, gezielte Falschnachrichten und Filterblasen im Internet eine ganz neue Form von Unwissenheit. Wer bestimmt heute in den Echokammern des Netzes, was wahr ist? Das weltweite Erstarken von Autokraten und totalitärem Denken weckt düstere Erinnerungen an die Vergangenheit, an die Diktaturen um 1930. Damals wie heute beginnt der Weg in die Unfreiheit dort, wo das selbstständige Denken verboten wird, wo freie Presse und Wissenschaft angegriffen werden und eine einzige, absolute Wahrheit über alles gesetzt wird.
Auch die moderne Kirche steht in diesem kritischen Scheinwerferlicht. Das jahrelange, systematische Vertuschen von Missbrauch zeigt im Kern exakt dieselbe Dynamik wie im Roman: Der Schutz der Institution und der Erhalt der eigenen Macht wurden über die Wahrheit, über das Recht und über den Schutz der Schwächsten gestellt.
Dabei fordert die Bibel an keiner Stelle einen blinden, unkritischen Gehorsam. Im Buch der Sprüche heißt es klar und deutlich, dass ein weises Herz Klugheit erlangt und nach Wissen sucht. Das biblische Wissen über Gott ist jedoch kein Herrschaftswissen, mit dem man andere unterdrückt. Es ist ein Wissen, das auf Beziehung gründet. Gott zu erkennen bedeutet niemals, starre Regeln auswendig zu lernen. Es bedeutet, Gerechtigkeit zu leben, den Nächsten zu lieben und die Schöpfung zu bewahren. Jesus selbst lag im ständigen, harten Konflikt mit den Schriftgelehrten seiner Zeit – den damaligen Verwaltern des religiösen Wissens –, weil sie Gesetze über die Würde des Menschen stellten.
Die Aufführung in Holzminden war deshalb weit mehr als ein historischer Krimi zur abendlichen Unterhaltung. Sie bleibt für uns ein dringender Appell zur Wachsamkeit. Wo Menschen das freie Denken verbieten wollen, sind der Glaube und die Demokratie in akuter Gefahr. Gott hat uns keinen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit – und zu dieser Besonnenheit gehört ein wacher, mutiger und kritischer Verstand.
Wir beten:
Gott der Wahrheit und der Freiheit, wir leben in einer Zeit, in der lautstark und aggressiv um die Deutungshoheit über unser Leben gekämpft wird. Wir bitten dich in diesen Tagen um einen klaren Verstand und ein mutiges Herz. Bewahre uns davor, den einfachen Antworten der Populisten zu glauben, die unsere Gesellschaft spalten und andere mundtot machen wollen. Schenke uns die Demut zu erkennen, dass unsere menschliche Wahrheit niemals deine ganze Wahrheit abbilden kann. Gib uns den Mut aufzustehen, wo Menschen manipuliert, für dumm verkauft oder unterdrückt werden – sei es in der großen Politik, in unseren eigenen Kirchen oder in unserem ganz persönlichen Alltag. Lass uns Boten einer Freiheit sein, die nicht auf Angst und Kontrolle, sondern auf Liebe und Respekt gründet.
Amen.