Sitzen wir schon gemeinsam am Tisch oder steht jeder noch an seinem eigenen Herd?

von Lektor Tobias Böker
Foto: Andreas Gauding

Vielleicht haben Sie es auch in den Radionachrichten gehört: Zwei Kirchengemeinden aus dem Landkreis Wolfenbüttel protestieren gegen die Reformpläne der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig. Sie befürchten, dass die Nähe zu den Menschen verloren geht. Der Grund ist, dass in den nächsten Jahren aus 11 Propsteien 4 werden sollen.

Dies ist ein Bild, das viele von uns aus der aktuellen kirchlichen Landschaft kennen: Strukturreformen, Fusionspläne und der dringende Ruf nach Einheit. Wir sitzen an einem Tisch, nicken bei den Plänen für die neue, große Gemeinde und beschwören das „Wir“. Doch kaum ist die Sitzung vorbei, kehrt jeder in seine vertraute Küche - Kirche - zurück und rührt wieder in seinem eigenen Topf. „Am Ende kocht doch jeder sein eigenes Süppchen“ – dieser Satz ist oft mehr als nur eine ironische Bemerkung; er ist Ausdruck einer tiefen Frustration.
Oft scheitert die Fusion nicht an theologischen Differenzen, die es eigentlich nicht geben sollte, sondern an der Angst vor dem Identitätsverlust. Das „eigene Süppchen“ schmeckt nach Heimat, nach Tradition und nach der Gewissheit, zu wissen, wie die Dinge bei einem selbst laufen. Eine Fusion verlangt, das eigene Rezept aufzugeben und ein neues, gemeinsames Rezept zu kreieren. Das löst Widerstand bei den Gemeindemitgliedern aus, aber auch bei den Vorständen. Wir klammern uns an das Eigene, weil wir das Gemeinsame noch nicht als Bereicherung, sondern als Bedrohung empfinden. Der Stolz auf die eigene Kirchturmspitze, das Gemeindehaus wird dann wichtiger als das Fundament Gott, auf dem wir alle stehen.


Liebe Leserinnen und Leser, die Bibel spricht eine deutliche Sprache gegen diese kirchliche Eigenbrötelei. Im 1. Korintherbrief 12 vergleicht Paulus die Gemeinde mit einem Leib: „Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat... so auch Christus.“ Ein Körper funktioniert nicht, wenn die Hand beschließt, ihr eigenes Ding zu machen.

Noch eindringlicher ist das hohepriesterliche Gebet Jesu in Johannes 17,21: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“

Hier wird klar: Unsere Einheit ist kein Selbstzweck. Wenn wir uns in Kleinkriegen um Gemeinderäume oder Gottesdienstzeiten verlieren, diskreditieren wir unsere Botschaft. Die Welt glaubt uns die Liebe Christi nicht, wenn wir es nicht schaffen, über den Rand unseres eigenen Suppentellers hinauszublicken.
Wahrer Zusammenhalt bedeutet nicht, dass alle gleich sein müssen. Es bedeutet aber, dass das „Wir“ größer wird als das „Ich“. Fusionen fordern uns heraus, geistlich zu wachsen. Es geht darum, Abschied zu nehmen von der Bequemlichkeit des Gewohnten, um Raum für Gottes Wirken im Neuen zu schaffen.

Vielleicht ist es an der Zeit, die vielen kleinen Kochstellen zu löschen und das Feuer unter einem großen Kessel zu entfachen. Es wird anders schmecken als früher – vielleicht ungewohnt, vielleicht würziger. Aber wenn wir gemeinsam an diesem Tisch Platz nehmen, bezeugen wir das, was uns wirklich eint: Nicht unsere Traditionen, sondern der eine Herr, der uns zusammengerufen hat.

Hören wir auf, die Zutaten zu sortieren. Wagen wir uns gemeinsam an den Herd - oder haben sie Angst, dass es zu heiss wird?