"Was denkt Gott über das, was wir hier tun?"

von Lektor Tobias Böker

Vier Jahre ist es nun her. Wir erinnern uns noch genau an jenen 24. Februar 2022, als die Welt plötzlich eine andere war. Wir erinnern uns an den ersten Gottesdienst, den wir hier feierten. Die Kirche war voll, die Gesichter gezeichnet von Schock und Ungläubigkeit. Gemeinsam haben wir damals gebetet – inständig und mit einer brennenden Hoffnung auf ein schnelles Ende. Wir dachten, die Vernunft müsste siegen, das Leid müsse doch bald aufhören.
In den Monaten danach setzten wir Zeichen. Einmal in der Woche läuteten die Glocken. Ein weithin hörbarer Ruf zum Gebet, ein Innehalten mitten im Alltag. Es war ein Versprechen: Wir vergessen euch nicht. Doch die Wochen wurden zu Monaten, und die Monate zu Jahren. Wir müssen heute ehrlich zugeben: Wir Menschen haben oft keinen langen Atem. Das Läuten wurde zur Gewohnheit, dann wurde es seltener, und mancherorts verstummte es ganz. Unsere Aufmerksamkeit ist gewandert, andere Krisen drängten sich vor. Die Schlagzeilen wurden kürzer, während die Frontlinien blieben.

Doch heute, nach vier Jahren, halten wir inne. Dieser Krieg wütet im Zentrum Europas. Er ist keine ferne Nachricht, er betrifft unsere Nachbarn, unsere Geschwister, unsere gemeinsame Sicherheit. Wir dürfen nicht zulassen, dass das Grauen im Zentrum unseres Kontinents zur bloßen Hintergrundkulisse wird. Schweigen und Vergessen sind die Verbündeten der Gewalt.

Oft fragen wir: „Wo ist Gott?“ Aber vielleicht sollten wir fragen: „Was denkt Gott über das, was wir hier tun?“
Die Bibel lässt keinen Zweifel daran: Gott ist ein Gott des Friedens. Gott blickt nicht neutral auf diesen Krieg. Gott weint. Er weint um jedes Leben, das ausgelöscht wird, denn jeder Mensch ist nach seinem Bilde geschaffen. Wenn eine Bombe ein Haus trifft, trifft sie auch das Herz Gottes. Gott verabscheut den Hochmut der Mächtigen, die Grenzen mit Blut neu ziehen wollen. In den Propheten lesen wir die Vision, dass Schwerter zu Pflugscharen werden sollen. Gott will keine Helden auf Schlachtfeldern, er will Kinder, die in Frieden spielen können. Sein Urteil über den Krieg ist klar: Er ist die größte Niederlage der Menschlichkeit.


Gott, wir bringen dir unsere Müdigkeit und unser kurzes Gedächtnis.
Vergib uns, dass wir uns an das Unerträgliche gewöhnt haben.
Wir rufen heute erneut zu dir für die Menschen in der Ukraine:
Für die, die in den Schützengräben ausharren,
für die Mütter, die um ihre Söhne weinen,
für die Kinder, die keine Stille mehr kennen.

Schenke uns die Kraft, nicht wegzusehen.
Lass unsere Gebete nicht verstummen, auch wenn die Glocken schweigen.
Mache uns zu Werkzeugen deines Friedens, hier und überall.
Wir warten auf den Tag, an dem dein Friede regiert.

Amen.