Aus dem Stamm der mächtigen Eiche, der nach den Fällarbeiten im vergangenen Jahr vor der Erlöserkirche Boffzen stehengeblieben war, ist etwas Besonderes entstanden: Der Boffzener Motorsägenkünstler Gerd Schoppe hat in nur zwei Tagen ein Kunstwerk geschaffen, das berührt und innehalten lässt. Aus dem rund 2,50 Meter hohen Stamm mit einem Durchmesser von mehr als 140 Zentimetern formte der 55-Jährige einen Engel, der ein Herz in den Händen hält – kraftvoll und zugleich voller Sanftmut.
Schoppe, gelernter Schweißer und weit über die Grenzen Boffzens hinaus für seine Motorsägenarbeiten bekannt, benötigte insgesamt rund 15 Stunden für das Werk. Es ist das größte Kunstobjekt, das er in seiner inzwischen 24-jährigen Tätigkeit geschaffen hat. Die Idee für die Gestalt des Engels holte er sich aus dem Internet, bestellte ein kleines Modell und passte die Form anschließend an die Dimensionen des gewaltigen Eichenstammes an. Am Donnerstag vor dem vierten Advent begann er mit der Arbeit.
Dabei hatte Schoppe auch seine Umgebung im Blick. „Da Anwohner Sorge hatten, dass Staub entstehen könnte, habe ich gemeinsam mit dem Küster Michael Rüther die Baustelle mit Bauzaungittern gesichert und zusätzlich Folien angebracht, damit weder Häuser noch Kirche verschmutzt werden“, berichtet der Künstler. Ganz zu überhören war seine Arbeit dennoch nicht: Das Dröhnen der Motorsägen war weithin zu hören.
Der Anfang sei schwierig gewesen, erinnert sich Schoppe. Mit dem 70 Zentimeter langen Schwert seiner Säge musste er von zwei Seiten exakt arbeiten, um die dicken Schwarten des Stammes zu lösen. Danach ging es zügig voran – bis eine unerwartete Herausforderung auftauchte: Im Inneren des Holzes befanden sich eingewachsene Nägel. Sie beschädigten mehrere Sägeketten, fünf davon mussten ausgewechselt werden. Insgesamt verbrauchten Schoppes Sägen rund 22 Liter Kraftstoff bis zur Fertigstellung des Engels.
Die Nägel hat der Künstler aufbewahrt. Es sind kleine Zeitzeugen, die der alte Baum erst jetzt preisgab: handgeschmiedete Nägel, vermutlich über 100 Jahre alt, einst genutzt, um Bekanntmachungen an der Eiche zu befestigen. Ihre Spuren sind bis heute sichtbar. Dort, wo sie im Holz saßen, zeigen sich dunkle Verfärbungen – Narben der Geschichte, die dem Engel zusätzliche Tiefe verleihen.
Am Samstagmorgen übergab Gerd Schoppe den fertigen Engel an den Kirchenvorstand der evangelischen Erlöserkirche. Pastorin Bertha Bolte-Wittchen und Kirsten Senftleben zeigten sich begeistert. „Wunderschön, fantastisch – hier ist etwas ganz Besonderes entstanden“, sagte Bolte-Wittchen und dankte Schoppe im Namen des Kirchenvorstandes für seine Arbeit.
Gerade in der Advents- und Weihnachtszeit entfaltet der Engel eine besondere Wirkung. Entstanden aus einem Baum, der fast 180 Jahre lang vor der Kirche stand, wird er nun zu einem stillen Botschafter von Hoffnung, Neubeginn und Menschlichkeit. Das Herz in seinen Händen steht sinnbildlich für Nähe, Mitgefühl und Zusammenhalt.
Für einen besonderen Akzent sorgt Küster Michael Rüther, der zugesagt hat, den Engel am Heiligen Abend stimmungsvoll mit Licht in Szene zu setzen. Wenn die Gläubigen zum Gottesdienst am Heiligabend an der 2,50 Meter hohen Holzskulptur vorbeigehen, wird sie ihnen leuchtend begegnen.
Gerade vor Weihnachten wird der Engel vor der Kirche zu einem stillen Zeichen des Friedens, an dem viele Menschen einen Moment verweilen werden.
Text: Manfred Bues